Detroit is Everywhere

Author
Architekt DI Hans Peter Machné
Datum
17.3.2020
Lesedauer
10
Minuten
Facebook Logo
Auf Facebook teilen

Stadtplanung in der Realität und ein Projekt der TheorieThe Hudson´s Written for TELEPOLIS , Internet Magazine  Das Problem: Detroit spiegelt auf eindrucksvolle Weise die Geschichte der (amerikanischen) Stadtplanung wieder.  Ein Zentrum aus größtenteils leerstehenden Bürocontainern , hohe Kriminalität , so gut wie keine Nahversorgung in der Innenstadt.  Die Peripherie (suburbs) gehört zu den reichsten Gebieten der USA. Unendliche Muster von Einfamilienbehausungen mit einigen Malls , die dazwischen hineingestreut den „öffentlichen" Raum simulieren.Nichts Neues wenn man sich mit Städten beschäftigt.Nur Detroit ist der Prototyp dieser Entwicklung.  Nach der obligatorischen Brandkathastrophe um 1800 die Vision einer Radialstadt , die Vision eines Richters (!) nach dem die Hauptstraße, die durch die Fragmente des Radialplanes führt benannt ist: Woodward Ave.Obwohl auch schon als ökonomisches (spekulatives) Entwicklungskonzept angelegt, durch additive 6- Ecke ,  wurde es bald durch das damals hypste Konzept ersetzt: Den Raster.  Michigan Ave.., Champs de Mars , Grand Circus bilden als Fragmente des Radialplanes das Zentrum, eingebettet in den Raster.Der letzte große Schub Mitte unseres Jahrhunderts, Highways auf brutalste Weise, und mit unglaublichem finanziellen Aufwand  in das Gefüge der Stadt hineingeschlagen, Megakomplexe wie das Cobocenter mitten in der Stadt,  Zerfransung an der Peripherie.  Und dann John Portman und sein Renaissance Center, ein Megakomplex der Sonderklasse, wie von Portman gewohnt, mit einem zynischen Namen den man schwer überbieten kann. Ein Gebäude das zu Fuß kaum zu betreten ist, sich abschottet von der Stadt, nur inneren, leicht kontrollierbaren Raum zuläßt, als Renaissance für eine sterbende Innenstadt. Als Krönung der Peoples´s Mover der auf 8m Höhe die wenigen noch funktionierenden Gebäude verbindet. Die Eingänge gut überwacht. Gesicherter Stadtraum eingeschlossen und abgehoben.Dazwischen unglaubliche Schicksale , Menschen in Aufständen  (Rassenunruhen bereits in den 40-igern dann 1967), Zeit der unglaublichen wirtschaftlichen Gewinne.Ford baut sein Model T in Detroit, kauft die öffentlichen Verkehrsbetriebe und schließt sie um sein Auto zu verkaufen. Die Geschichten über Gewerkschaften , Firmenpolitik (what is good for Ford is good for America), Gewinnmaximierung, Taylor und das  Fließband kennt man.Die Stadt wächst rasend schnell. Zu schnell.  „Dynamic Detroit" heißt es. Der Krieg macht den Rest. Autofabriken produzieren Panzer,  Flugzeuge  und Schiffe. Stalin soll gesagt haben, Deutschland werde nicht von den USA oder Rußland besiegt sondern von Detroit.Um mit der überfüllten Stadt fertig zu werden gibt es politische Initiativen um den Menschen (vorwiegend dem weißen Mittelstand) das Familyhome im Grünen schmackhaft zu machen. Und es funktioniert, nur die es sich nicht leisten  können bleiben in der Stadt.Das Resultat ist bekannt. Kernstadtverfall heißt das dann.  Einige DatenEinwohner der City of Detroit:1952                 1,85 MIO1960                 1,67 MIO1980                 1,17 MIOheute unter            1 MIO1980 leben nur mehr 27,6% der Bevölkerung von Stadt und Umgebung im Stadtgebiet.Quelle: Highland Park oder die Zukunft der Stadt, Lewis Carlson/Frank Unger             Berlin 1994, Aufbau Verlag  Durchforstet man die Bibliotheken entdeckt man in der Geschichte dieser Stadt beinahe alles was Städtebau und Politik war und ist.Geplant von Leuten die niemals in der Stadt lebten, sondern immer auf Landsitzen,gesehen immer nur als Wirtschaftsfaktor.Die harte Logik des Kapitals lautet: „ Wenn sie als Wirtschaftsfaktor unerheblich sind, wozu noch Städte. „   Und doch es leben Menschen hier, Subkulturen trotzen der „feindlichen" Umgebung.Diese Bewohner wollen sich ihre Stadt nicht nehmen lassen. Sie wissen das sie Wohnraum brauchen, sie wollen eine Umgebung in der ihre Kinder aufwachsen können. Wer von uns kann sich denn schon wirklich vorstellen wie es ist zwischen Crackhäusern und Automatischen Waffen aufzuwachsen, wir für die es schon ein Abenteuer ist mit einer Kamera durch diese Straßen zu ziehen.Hier ist weit und breit nichts zu sehen vom Silicon Valley oder der globalen Informationsgesellschaft.  Kein Engel (vgl. Michel Serres, Die Legende der Engel) läßt sich hier blicken. Und die braucht es gar nicht; nur Menschen, die wohnen, arbeiten, essen können.  Abseits des Rückzuges auf Formendiskussionen der Architektur und des Städtebaus, kann eben Architektur hier einen Diskussionsbeitrag liefern. Denn gebaut wird oder soll werden, aber die Architekturavantgarde (zumindest die amerikanische) scheint unfähig einen konkurrenzfähigen Beitrag zu liefern. Und wie in so vielen Städten in denen ebenfalls gar nicht so wenig gebaut wird sind es wieder Developer die Städtebau betreiben; wichtigen Städtebau.  The Hudson´s Eine der vielen seltsamen Geschichten die man hört wenn  man die Stadt besucht ist jene , daß manche Leute in der Nacht auf regelrechte Raubzüge gehen. Um sich ihre eigenen ärmlichen Behausungen etwas zu verbessern, nehmen sie alles was möglich ist von den leerstehenden Gebäuden und bauen es zu Hause ein. Es sind dies Türen, Fenster, Ziegel usw. Der Vergleich mit Roms Kolloseum drängt sich auf. Damit sind wir auch bei Piranesi angelangt. Und tatsächlich gibt es einen „Campus Martius" in der Stadt, und der ist auch noch der Mittelpunkt. Genau dort steht das Hudson´s, einstmals eines der größten Einkaufszentrum der USA.  Hier war der Identifikationspunkt, die Kerns Clock direkt vor dem Gebäude war der Ort wo man sich Downtown traf. Ein Haus der Superlative.Das Hudson´s als attraktiver OrtIm Kollektiven Gedächtnis der älteren Detroiter, die jetzt zumeist in den Vororten leben, war das Hudson´s das Synonym für Downtown. Mit über 100 m Höhe ist es ein imposantes Zeichen mitten in der Stadt. Der Ort zog immer schon die Menschen an.Die Struktur des Gebäudes ist ein einfacher Stahlbau mit 25 Stockwerken. Das Haus wurde immer wieder erweitert und seit 1923 steht es so da wie es heute ist. Durch die häufigen Zubauten ist der Konstruktionsraster unpräzise und verschoben. Die verschiedenen Höhen sind an der Stützenstellung im Grundriß ablesbar.  Ein Stahlgerüst ist flexibel und leicht erweiterbar. Der Raster zeigt erst beim 2. Blick , das er nicht Perfekt ist ; Asymmetrien und Unschärfen zeigen die einzelnen Bauabschnitte. Wie kein anderes Gebäude prägte dieses die Stadt und in ihm ist die Stadt eingeschrieben. Es gibt unzählige Geschichten was in diesem Gebäude passiert ist , es scheint mit der Stadt verwoben zu sein. J.L. Hudson der Besitzer , hervorgegangen aus einer ganze Dynastie  sagte einmal , „Hudson´s will grow with Detroit". Heute steht es so leer wie die Stadt selbst.  Am 31. Oktober 1986 wurden die Eingänge zugenagelt und seitdem harrt es einer Verwendung.Und genau dort beginnt  und endet das Projekt Detroit Fragments.    Städtebau: Für „Sentimentalitäten" scheint man aber in Detroit nicht übrig zu haben, zumindest nicht bei Entscheidungsträgern. Die Rezepte eine Stadt wiederzubeleben erschöpfen sich im Vertrauen auf Großinvestoren. Gebaut wurde das Tiger Stadium , eine Sportstätte in de Stadt , als ob Events dort helfen. Ja sie lebt wenn ein Spiel ist, aber genauso schnell verschwinden alle Menschen, Autos, Imbisstände sobald das Spiel vorüber ist.Jetzt geht es um das Hudson´s .  Es soll abgerissen werden, Tabula Rasa wieder einmal, oder immer noch. Raus mit dem alten Rein mit dem Neuen heißt der Slogan. Wer kann schon Erinnerungen oder Identifikationspotential in Dollar ausdrücken. Also weg damit.  Doch irgendwie fehlen die Pläne für das neue. Büros das Allheilmittel,  nur glaubt niemand so recht daran das sie funktionieren werden, es gibt schon so viele davon. Doch erst mal kahlschlagen, dann werden wir sehen ob es sich lohnt etwas zu bauen oder nicht.Das also ist Städtebau wie er gemacht, gebaut wird. Natürlich mit all den politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen und Interessen die dabei eine Rolle spielen.Vielleicht aber ist es hier anders. So wie das Hudson´s .  Eine Protestbewegung macht  sich bemerkbar. Gerichtsprozessse werden geführt, es wird mobil gemacht gegen die Spekulation mit der Zukunft einer Stadt.  Man merkt wieviel Potential in diesem Gebäude steckt, welche Macht „Sentimentalitäten" haben. Manche Detroiter wollen sich ihre Identität nicht einfach so nehmen lassen. Das Gebäude mag an Teilen schwer beschädigt sein, und es macht natürlich keinen Sinn kaputte Teile wieder so herzustellen wie sie waren, aber hier kulminiert etwas, mit dem vielleicht nicht das schnelle Geld zu machen ist aber auf lange Sicht kann hier die Stadt verändert werden.-----------------------------Here's a great opportunity for you and all your friends to become involved in the fight to save the Hudson's Building and to blow this political web away!  Cuz it ain't over--believe me!  More "rumblings" are due to hit the streets..The Lower Woodward Housing Coalition has just formed a sub-committee called the Hudson's Redevelopment Committee.  We need as much support from as many people as possible. This is a real big thing and we need as much support and help to make this work and to make it known that we do mean business when it comes to serious re-use and renovation of this solid structure.  Needless destruction without surveying all of the opportunities is notacceptable!Larry Marantette from the Greater Downtown Partnership ("Partnership" or "GDP") (he's also DDA Board member--some mixed interests going on here!) said in a deposition on Thursday that HE was the one to make the decision to demolish.  This is quite interesting because he has claimed for many months that the DDA owns the building, not the Partnership anymore. Anyway, I hope as many supporters as possible can join us. We've agreed to meet the first and third Tuesday's of every month from 7:30 to 8:30 in downtown Detroit at St. Andrew's Hall (located on Congress, west of Beaubien, next to "Steve's Place").--Maura Cady cady@ameritech.net     Politik: Hier muß man  auch als Architekt Position beziehen, politisch werden. Denn nur auszuführen was von Kapitalinteressen entschieden wurde ist zuwenig.  Stadtplanung zu betreiben heißt nicht darauf warten was man darf oder nicht, sondern aktive Teilnahme. Architekten wieder als verantwortungsvolle Planer, nicht nur als Sollerfüller und Hüllengestalter (auch wenn diese aus generativen Systemen, surrealen Prozessen oder den neuesten Softwareprogrammen entstehen). Stadtraum gehört allen, nicht nur denen die sich freiwillig einer kontrollierten Umgebung ergeben, zum Shopping.  Vielleicht würde auch hier ein Snipers-Wood gut tun. Ein komplexes System wie das einer Stadt kann nur manipuliert werden, durch den Eingriff am richtigen Ort. Vielleicht ein wenig wie eine chemische Verbindung die sich radikal ändert , wenn man nur das richtige Molekül am richtigen Ort einsetzt. Und dieser Punkt in Detroit ist dieses Gebäude.  Hier steht nicht nur ein Gebäude auf dem Spiel sondern die Haltung, die  Planer gegenüber einer Stadt einnehmen. Eine Stadt besteht aus Menschen, nur sie machen sie aus. Architektur und Architekten alswillfährige Wasserträger oder als Personen mit Haltungen? Die Diskrepanz zwischen Architekturtheorie und der Wirklichkeit des Gebauten  ist hier zu spüren. Je weiter sich jedoch diese Theorie in ihren Elfenbeinturm von Solitonwellen, Silicon Graphics Hysterien,  Kathastrophenfaltungen zurückzieht desto mehr unterstützt sie indirekt diese Entwicklungen. Mehr noch Investoren rühmen sich mit Stars wenn nur der Inhalt des Gebäudes schnelles Geld verspricht.  Und die Städte gehen unter, sterben in Schönheit (?).Deleuzeianisches Denken ist eben nicht das platte Übernehmen von Metaphern in Form, der Immanenzplan, von der Mitte her Dinge anzudenken ist keine gebaute Morphologie, sondern eine Art an Dinge heranzugehen, Haltungen zu entwickeln. Es geht um die Menschen, die keine andere Wahl haben als in der  Stadt zu wohnen, weil sie in den Suburbs nicht geduldet werden, ihnen es ihnen finanziell gar nicht möglich ist sich dort abseits des Terrain Vague, das die Innnenstädte oft bilden, niederzulassen.Hier in Detroit, mit dem Hudson´s wird man sehen wohin es geht im nächsten Jahrhundert, die Geschichte der Stadt wird weitergeschrieben.  Architekt sein oder werden bedeutet in diesem Kontext wohl etwas ganz anderes als bisher. Das alte Bild des Künstlers hat ausgedient. Teil der Lösung solcher Probleme die sich vielerorts stellen wird man sein müssen. Wie dieser Architekt sein wird , wissen wir noch nicht, aber es ist Zeit neu zu definieren, sich endlich den Bedingungen die vorhanden sind zu stellen, mit Verantwortung zu Planen, und nicht nur dem Investor  zufrieden zu stellen, denn in einer (demokratischen)  Stadt sind wir alle Bauherren. Und das Geld ist knapp , überall, alles unterliegt ökonomischen Zwängen. Genau in diesen Strudel aber muß die (gute) Architektur springen um nicht endgültig auf Universitäts Campi , in Magazinen, oder im Internet in die Bedeutungslosigkeit zu verschwinden.Theorien wie die Selbstorganisation sind dazu wichtig, wenn man begreift, daß man nichts in einer Form ausdrücken kann, das die Form ihren medialen Charakter an die wirklichen Medien abgetreten hat,  sondern das es darum geht, daß  Gebäude und Städte die Selbstorganisation der handelden Personen ermöglicht und  zuläßt.  Der deleuzeianische Immanenzplan ist keine Form per se sondern eine Methode, die in einem Entwurf  Möglichkeiten zuläßt, oder sie auszuschließt. Architektur ist Politik ,  und  wer es nicht wahrhaben will, wer eine Politik der Verweigerung betreibt, handelt eben doch auch politisch.    Jänner 98