Als Architekten verstehen wir Bauen nicht nur als das Errichten von Neuem, sondern vor allem als bewussten Umgang mit dem Vorhandenen. Bausubstanz, Umgebung, Geschichte und Nutzung bilden ein Geflecht, das sorgfältig gelesen werden will. Gerade im Bestand liegt oft eine stille Kraft. Materialien, die über Jahrhunderte gehalten haben, Konstruktionen, die sich bewährt haben, und Räume, die Spuren vieler Generationen tragen. Diese Qualitäten zu erkennen, zu erhalten und behutsam weiterzuentwickeln, war der zentrale Gedanke bei der Revitalisierung der Alten Schmiede in Sillian.
Die Alte Schmiede liegt im Ortszentrum von Sillian in Osttirol, unmittelbar am Gerberbach und nahe der Brücke zum historischen Ortskern mit der Kirche im Hintergrund. Als baulicher Abschluss und neuralgischer Punkt im Dorfgefüge prägt sie seit Jahrhunderten das Ortsbild. Ursprünglich im 16. Jahrhundert als Beihäusl zu einem Bauernhaus errichtet, diente die alte „Schmitte“ über langeZeit als Werkstatt, Wohnraum und später als geteilt genutztes Gebäude. Zuletzt befand sich das Haus in einem stark desolaten Zustand. Dennoch entschied sich der Bauherr, entgegen mancher ablehnender Stimmen im Dorf, bewusst für den Erhalt und gegen den Abriss.
Aus diesem mutigen Entschluss entstand ein Projekt, das Technik und Tradition nicht gegeneinander ausspielt, sondern miteinander verschränkt. Durch intensive historische Recherche, die enge Zusammenarbeit mit Restauratoren und eine präzise Analyse der vorhandenen Bausubstanz konnte das Gebäude neu interpretiert werden, ohne seine Herkunft zu verleugnen. Heute beherbergt die Alte Schmiede zeitgemäße Nutzungen wie Open Office, Co-Working und Co-Living am Land. Digitale Infrastruktur trifft auf historische Mauern, konzentriertes Arbeiten auf handwerkliche Spuren, ländlicher Raum auf neue Formen des Zusammenlebens und Zusammenarbeitens.
Das gestalterische und technische Prinzip folgte dabei dem Gedanken des „minimointervento“: so wenig wie möglich, so viel wie nötig. Jeder Eingriff wurde sorgfältig abgewogen. Im Kleinen wurde jedes Bauteil geprüft, ob und wie es weiterverwendet werden kann. Was tragfähig, reparierbar oder atmosphärisch wertvoll war, blieb erhalten. Der Leitsatz war einfach und anspruchsvoll zugleich: Wenn ein Bauteil über Jahrhunderte gehalten hat, soll es auch uns überdauern.
Das Erdgeschoss wurde weitgehend original getreu erhalten. Historische Oberflächen, Materialien und räumliche Strukturen blieben sichtbar und erzählen weiterhin von der ursprünglichen Nutzung als Schmiede. Das Obergeschoss wurde neu interpretiert und mit natürlichen Materialien ergänzt. Dabei entstand kein historisierendes Abbild, sondern eine klare, zeitgemäße Fortschreibung des Bestands. Neue Elemente sind als solche erkennbar, fügen sich jedoch zurückhaltend und funktional in das Ganze ein. Der Zubau wurde als schlichter Unterstand beziehungsweise als Stiegenhaus formuliert und ordnet sich dem Bestand bewusst unter. Er ergänzt, ohne zu dominieren.
Besonderes Augenmerk lag auf den Anschlüssen, Oberflächen und Übergängen zwischen Alt und Neu. Historische Materialien wurden repariert statt ersetzt, Konstruktionen ertüchtigt statt überformt. Viele Details entstanden in enger Abstimmung mit lokalem Handwerk oder wurden in Eigenleistung umgesetzt. Dadurch blieb der Charakter des Hauses nicht nur erhalten, sondern wurde durch die handwerkliche Präzision und die unmittelbare Auseinandersetzung mit dem Material weiter geschärft.
Die Revitalisierung der Alten Schmiede ist damit auch ein Beitrag zu Ressourcen schonendem Bauen. Durch Erhalt statt Abriss wurden graue Energie bewahrt, Materialien weitergenutzt und neue Ressourcen nur dort eingesetzt, wo sie technisch und funktional notwendig waren. Das Projekt zeigt, wie bestehende Strukturen im ländlichen Raum mit minimalem Eingriff maximale Wirkung entfalten können: als Arbeitsort, Begegnungsraum, Wohnraum auf Zeit und Impulsgeber für eine neue Baukultur am Land.
Gleichzeitig stärkt das Gebäude das Ortsbild von Sillian. Die Schmiede bleibt als vertrauter baulicher Abschluss im Zentrum erhalten und wird durch ihre neue Nutzung wieder Teil des aktiven Dorflebens. Aus einem leer stehenden, gefährdeten Bestand wurde ein lebendiger Ort für kreatives Arbeiten, Austausch und gemeinsames Weiterdenken. Das Projekt steht damit exemplarisch für eine Baukultur, die Geschichte respektiert, vorhandene Qualitäten ernst nimmt und daraus neue Perspektiven entwickelt.